Modell “Siegen – Zu neuen Ufern” im Wasserbaulabor der Universität Siegen

Wasser trifft Wissenschaft

Forschungsinstitut Wasser und Umwelt

Lehrstuhl für Hydromechanik, Binnen- und Küstenwasserbau

Am Paul-Bonatz-Campus der Uni Siegen dreht sich im Erdgeschoss von Gebäudeteil B alles um das Thema Wasser. Hier befindet sich das Forschungsinstitut Wasser und Umwelt (fwu). Im Interview mit Jürgen Jensen – Professor für Wasserbau, technische Hydraulik sowie wasserbauliches Versuchswesen und Leiter des Instituts – blicken wir hinter die Kulissen und erfahren, warum Wasser für ihn das mit Abstand spannendste Element ist.

Prof. Dr.-Ing. Jürgen Jensen,

wann haben Sie Ihre Leidenschaft für Wasser entdeckt?

Schon früh. Nordfriesland ist meine Heimat, das Meer war in meiner Kindheit allgegenwärtig. 196 habe ich die Sturmflut zusammen mit meinem Vater vom Deich aus beobachtet. Die Kraft von Wind und Wellen hat mich nachhaltig beeindruckt, bis heute habe ich Respekt vor dem Wasser. Deshalb auch die Entscheidung für ein Studium des Bauingenieurwesens mit dem Fokus auf Wasser. Der Schritt war nach dem Abitur einfach logische Konsequenz. Wasser spielt in allen Bereichen eine essentielle Rolle und dient als global vernetzendes Element. Besonders faszinierend finde ich die Ambivalenz des Elements. Es ist Essenz des Lebens, kann aber bei Hochwasser oder während Tsunamis und Sturmfluten auch zur lebensbedrohlichen Gefahr werden.

Wo liegen die Arbeitsschwerpunkte des fwu?

Nachdem ich 1991 an die Uni Siegen berufen wurde, habe ich drei Jahre später das Forschungsinstitut als gemeinschaftliche Einrichtung der Lehrstühle Wasserbau und Wasserwirtschaft gegründet. Ziel war und ist es, die Kompetenz der einzelnen Fachgebiete zu vereinen und vorhandene Ressourcen für interdisziplinäre Lösungsansätze zu nutzen. Das fast 21-köpfige Forschungsteam beschäftigt sich intensiv und praxisnah mit wasserwirtschaftlichen Forschungsfragen. Und das regional, deutschlandweit sowie international. Unser Fokus liegt auf mehrdimensionalen numerischen Strömungsmodellierungen, Änderungen des Meeresspiegels und statistischen Untersuchungen zu Extremereignissen, die als Folge des Klimawandels immer häufiger auftreten.

Sie betrachten Wasser auch aus energetischer Sicht.

Das stimmt. Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Optimierung von Kleinstwasserkraftanlagen mit Hilfe physikalischer Modellversuche. Wir erarbeiten Lösungen, mit denen das Wasser und die Energie, die in ihm steckt, optimal genutzt werden können. Regionales Beispiel ist das XS-Kraftwerk mit Energie-Lehrstation in Netphen-Sohlbach, das 2016 im Rahmen der südwestfälischen Praxisstudie „Dorf ist Energie(klug)“ entstanden ist.

SiSSi und WaldAktiv sind zwei weitere Projekte, die das fwu aktuell innerhalb der Region bearbeitet. Worum genau geht es?

Laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. sind Starkregenereignisse für rund 50 Prozent der Überschwemmungsschäden in Deutschland verantwortlich. Deshalb führen wir seit 2016 in Kooperation mit dem Entsorgungsbetrieb der Stadt Siegen (ESi) ein Vorhaben zur Simulation von Starkniederschlägen im Stadtgebiet Siegen – kurz SiSSi – durch. Durch Analyse der Geländeoberfläche, der Gewässer und des Kanalnetzes sollen Bereiche, die durch Sturzfluten und Flusshochwasser besonders gefährdet sind, ermittelt werden. Das Projekt WaldAktiv untersucht, inwieweit Waldflächen als Element der aktiven Starkregenvorsorge in urbanen Gebieten genutzt werden können. Untersuchungen haben gezeigt, dass Waldböden auch bei großen Niederschlagsmengen und -intensitäten kaum an die Grenzen ihrer Aufnahmefähigkeit gelangen. Im Rahmen des Leuchtturmprojekts möchten wir planerische und technische Werkzeuge entwickeln, die dieses Rückhalte- und Versickerungspotenzial nutzbar machen.

Herzstück des fwu ist das Wasserbaulabor. Welche Möglichkeiten bietet die Ausstattung vor Ort?

Während in Versuchshalle I im Wesentlichen wasserbauliche Modelle zur Bemessung und Optimierung von Talsperren, Hochwasserrückhaltebecken und Wehranlagen errichtet werden, befindet sich in Halle II eine 40 Meter lange hydraulische Umlaufströmungsrinne. Mit Hilfe einer Turbine erzeugen wir dort Strömungsgeschwindigkeiten von bis zu 2,5 Metern pro Sekunde und können Simulationen zur Stabilität von Gewässern und Ufersicherungen durchführen. Im Außenbereich kann ein Versuchsgebäude zur Entwicklung und Untersuchung von mobilen Hochwasserschutzsystemen genutzt werden. Im Labor stehen außerdem IT-Strukturen zur Verfügung, mit der große Datenmengen aufbereitet und analysiert, hydrodynamisch-numerische Strömungen ein-, zwei- und dreidimensional simuliert und Geoinformationen dargestellt werden können. Optimale Voraussetzungen für unsere tägliche Arbeit.

Wasserbau und Wasserwirtschaft haben in der Region Siegen- Wittgenstein eine lange Tradition. Inwieweit hat die 1853 gegründete Siegener Wiesenbauschule die Entwicklung des fwu beeinflusst?

Der Einfluss war und ist enorm. An der Wiesenbauschule wurden weltweit anerkannte Meliorationstechniker und Wiesenbaumeister ausgebildet, deren Entwicklungen und Forschungsergebnisse bis heute Bestand haben. Der Standort hat sich stetig weiterentwickelt. Aus der Wiesenbauschule entstand die Kulturbauschule, die erst in die Bauschule für Wasserwirtschaft und Kulturtechnik und im nächsten Schritt in die Ingenieurschule für Bauwesen umgewandelt wurde. 1972 dann die Gründung der Universität-Gesamthochschule Siegen – Vorläufer der heutigen Universität Siegen mit dem Forschungsinstitut Wasser und Umwelt.

Als dienstältester Professor der Uni Siegen verabschieden Sie sich 2021 in den Ruhestand. Was wünschen Sie sich für die Zukunft des fwu?

In den letzten drei Jahrzehnten haben wir eine Vielzahl von regionalen wasser- und flussbaulichen Maßnahmen mit studentischen Arbeiten, Forschungs- und Praxisprojekten begleitet. Besonders stolz sind wir auf unsere Beteiligung am Stadtentwicklungsprojekt „Siegen – Zu neuen Ufern“, das den Rückbau der Siegplatte und die Umgestaltung des Siegufers beinhaltete. Das zukunftsweisende Projekt ist ab Mitte der 1990er-Jahre in unserem Wasserbaulabor entstanden. Die Perspektiven zur Wasser- und Klimafolgenforschung an der Uni Siegen sind hervorragend. Das internationale Renommee und zahlreiche Veröffentlichungen in anerkannten Fachmedien bilden eine optimale Basis für die kommenden Jahre. Ich hoffe, dass dieses große Forschungspotenzial durch Verknüpfung von Theorie und Praxis auch in Zukunft von der Uni Siegen unterstützt wird. Eine Universität Siegen ohne Wasserbau und Wasserbaulabor ist im Sinne der Tradition der Wiesenbauschule in Siegen für mich nicht vorstellbar.


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