Top Blog: Bürgermeister Dirk Terlinden

Interview: Julia Wildemann / Fotos: Melanie Heider

Mit dem Bürgermeister durch Bad Laasphe

Dirk Terlinden, Stadt Bad Laasphe

Nach drei Jahrzehnten im Rheinland zog es Dirk Terlinden zurück in die Heimat Feudingen. Seit November 2020 ist der gebürtige Kredenbacher Bad Laasphes neuer Bürgermeister. An einem sonnigen Tag im Juli spazierten wir mit ihm entlang der Ufer von Lahn und Laasphe durch das Stadtzentrum. Ein Gespräch zwischen Altstadt und Kurpark.

Mit welchen Zielen sind Sie in Ihre erste Amtszeit gestartet?

Mein Fokus liegt unter anderem auf dem Bildungssektor. Wir haben vor Ort eine breitgefächerte Schullandschaft: mehrere Grundschulen, eine Realschule, zwei Gymnasien und eine Förderschule. Unsere Aufgabe ist es, deren Qualität weiter auszubauen und digitale Angebote zu schaffen, um mit den aktuellen Entwicklungen im Bildungssektor mithalten zu können.
Wichtig ist auch die möglichst frühe Vernetzung der Schulen mit der Universität Siegen. Denn nur so können wir Fachkräftenachwuchs in der Region halten. Wenn sie das Potenzial vor Ort erkennen und ihre Heimat als Chance begreifen, ist das ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Weiterer Punkt auf Ihrer Agenda: das Thema Gesundheit.

Richtig! Bad Laasphe hat als Kurort in der Vergangenheit auf die „weiße Industrie“ gesetzt. Als Folge von Reformen innerhalb des Gesundheitssystems entstanden strukturelle Lücken, die es jetzt zu schließen gilt. Wir müssen schauen, dass wir diesen Standortnachteil wieder in einen Standortvorteil verwandeln. Unübersehbare Beispiele sind die beiden ehemaligen Rehakliniken Emmaburg und Schlossbergklinik sowie das Seniorenzentrum der Arbeiterwohlfahrt.
Die drei Gebäudekomplexe sind städtebaulich eine Herausforderung. Für das Seniorenzentrum zeichnet sich aktuell eine Nachnutzung als Wohnquartier ab, für die anderen müssen noch Konzepte entwickelt werden. Die ärztliche Versorgung in der Region ist ein Dauerthema. Wir sprechen hier nicht nur von einem Standortvorteil, sondern von einer Daseinsvorsorge. Die Menschen müssen sich medizinisch gut aufgehoben fühlen. Und das vor der eigenen Haustür ohne lange Fahrzeiten. Bedingt durch den hohen Altersdurchschnitt der Ärzte im ländlichen Raum wird in den kommenden fünf bis zehn Jahren eine völlige Umwälzung der Kapazitäten stattfinden. Unsere Aufgabe ist es also, neue Mediziner nach Bad Laasphe zu holen und ihnen Perspektiven zu bieten. Das ist teilweise schon gelungen. In Kooperation mit dem Siegener St. Marienkrankenhaus ist in einer ehemaligen Arztpraxis ein MVZ entstanden, das von zwei jungen Ärztinnen geleitet wird.

Welches Projekt hat in und um Bad Laasphe aktuell die höchste Priorität?

Die Bundesstraße 62, die mitten durch die Stadt führt, ist sanierungsbedürftig. Die Maßnahmen sollen in verschiedenen Abschnitten durch Straßen.NRW durchgeführt werden. Praktisch eine OP am offenen Herzen. Es gibt keine Ausweichstrecken, damit müssen wir umgehen.
Aber solche Situationen sind ja nicht nur negativ, sondern können auch Chance sein. Wir haben jetzt die Möglichkeit, die Innenstadtstraßenführung an den zukünftigen Anforderungen auszurichten. Stichwort: Radverkehr. Der findet aktuell nicht statt. Man hat früher ausschließlich aufs Auto gesetzt, das Bewusstsein fürs Fahrradfahren wächst jedoch stetig. Sowohl für die Freizeit als auch für beispielsweise die Fahrt zur Arbeit. Die Neugestaltung des Kernbereichs der Innenstadt birgt großes Potenzial. Breite Bürgersteige, Fahrradwege, Beleuchtung, Grünanlagen und Verweilmöglichkeiten – die Nebenflächen können attraktiv gestaltet werden. Wichtig ist hier auch der Dialog mit den Bewohnern der Stadt und den Händlern vor Ort, damit Lösungen gefunden werden, die alle abholen.

Die Altstadt mit den traditionellen Fachwerkbauten hat einen besonderen Charme. Wie kann der Bereich langfristig Anziehungspunkt bleiben?

Die Altstadt war früher Flaniermeile und Haupteinkaufszentrum. Heute ist das Quartier etwas in die Jahre gekommen. Der Onlinehandel und das neuartige Konsumverhalten erschweren auch hier bei uns den lokalen Handel. Schließungen und Leerstände sind die Folge. Aktionen wie „Bad Laasphe tafelt“ in der Königstraße oder das Bad Laaspher Schaufenster waren in der Vergangenheit große Erfolge und können den Bereich kurzfristig beleben. Ich gehe davon aus, dass 2022 wieder ein Veranstaltungsjahr wird und freue mich schon jetzt auf die Wiederholung der Formate. Langfristig muss aber eine Entscheidung getroffen werden, wie die Altstadt generell genutzt werden soll.
Vielleicht als Wohnquartier mit Dienstleistungsangebot? Die Fragen sollten wir uns auch bezogen auf die Stadt Bad Laasphe allgemein stellen. Soll sie Wohnquartier, Arbeitsstätte, Kurstadt oder Tourismusstandort sein? Es ist schwierig, die unterschiedlichen Anforderungen in Einklang zu bringen. Ein langfristiges Konzept ist entscheidend. Wir sprechen über einen Zeitraum von zehn bis fünfzehn Jahren. Doch bereits heute müssen die richtigen Weichen gestellt werden.

Wo liegen die Stärken der Stadt und der umliegenden Stadtteile?

Zur Stadt Bad Laasphe gehören insgesamt 22 Ortschaften, die alle ihre Besonderheiten und ihre lokale Authentizität haben. Hier herrscht ein starker Zusammenhalt, wir haben eine hohe Vereinsdichte. Charakteristisch ist auch die mittelstandsgeprägte Unternehmerstruktur. Wir sind hier nicht konzernbestimmt, die Firmen werden von Wittgensteinern geführt. Die Unternehmer sind lokal verortet und fühlen sich für die Region verantwortlich. Das hat auch die Pandemie gezeigt. Die Unternehmer standen zu ihren Mitarbeitern und haben sie unterstützt. Wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit der Gemeinde Erndtebrück und der Stadt Bad Berleburg. Nicht nur bis zur eigenen Stadtgrenze blicken, sondern auch das Drumherum sehen. Gemeinsam lassen sich Ideen wie das gemeinsame Gewerbegebiet entwickeln, die ganz Wittgenstein nach vorne bringen.

Wie gelingt es, auch die umliegenden Dörfer in die Stadtentwicklung miteinzubeziehen? 

Enorm wichtig ist der regelmäßige Austausch. Vor Kurzem hat nach langer Pause wieder eine Ortsvorsteherdienstbesprechung stattgefunden. Die Vorsteher der einzelnen Ortschaften sind Bindeglied zwischen Bürgern und Verwaltung. Auf kurzem Weg kann Aktuelles besprochen werden und man kann bei Bedarf kurzfristig handeln. Corona war und ist natürlich eine
Herausforderung. Die Spontaneität ist verlorengegangen. Und auch viele Projekte, die bereits 2019 angestoßen wurden, konnten nicht realisiert werden. Problem war die Finanzierung. Träger waren häufig Vereine. Weil Veranstaltungen nicht möglich waren, die Geld in die Kassen gespült hätten, fehlte das Budget. Wir hoffen, dass sich die Lage im Laufe des Jahres
weiter entspannt und wir gemeinsam aktiv werden können.

Bad Laasphe ist Heimat zahlreicher Unternehmen. Wie ausgelastet sind die bestehenden Gewerbeflächen? 

Gewerbe ist für einen Standort enorm wichtig. Deshalb sollen neue Flächen für die gewerbliche Nutzung zur Verfügung gestellt werden, die auch Entwicklungsmöglichkeiten für Bestandsunternehmen bieten. Bis Mitte 2022 werden zwei große Flächen frei, für die eine gewerbliche Nachnutzung gesucht wird. Wichtig ist, dass uns der Spagat zwischen touristisch geprägtem Standort mit Erholungsfunktion und attraktivem Standort für Gewerbe, das Arbeitsplätze schafft, gelingt. Die unterschiedlichen Nutzungen müssen sich miteinander vertragen.

Das Projekt „Route57“ beschäftigt die Region. Wie beurteilen Sie die Bedeutung der Umgehungsstraße für Bad Laasphe und Wittgenstein?

Ein sehr spannendes Thema, das kontrovers diskutiert wird. Grundsätzlich
brauchen wir natürlich eine vernünftige Verkehrsanbindung. Nicht nur für die ansässigen Unternehmen, sondern auch für die Menschen vor Ort. Der Verkehr belastet die Ortschaften. Um die Lage dort zu entschärfen, muss eine überregionale Verkehrsachse geschaffen werden. Ohne diese wird es auf Dauer nicht funktionieren. Andere Regionen in NRW investieren im großen Stil und wir dürfen den Anschluss nicht verlieren. Die Route57 ist nach dem Bundesverkehrswegeplan beschlossene Sache, Schwierigkeit ist die konkrete Ausgestaltung vor Ort. Planung und Realisierung werden mehrere Dekaden dauern. Ich bin gespannt, ob das Projekt politisch, wirtschaftlich und auch von der Bevölkerung über so einen langen Zeitraum getragen wird.