Interview mit Landrat Andreas Müller

Bei der Kommunalwahl 2020 wurde Andreas Müller in seinem Amt bestätigt und führt als Landrat weiterhin die Geschicke der Region.

Landrat Andreas Müller

„Politiker sollten mehr zuhören und weniger reden“

Waschechter Siegerländer Jong, bühnenerprobtes Gesangstalent und leidenschaftlicher Sozialdemokrat  Andreas Müller hat viele Facetten. Die Wurzeln des 37-Jährigen liegen im Holzhausener Hickengrund, als Politiker hat er den ganzen Kreis im Blick. Wir sprachen mit ihm über den Beginn seiner Laufbahn, die Stärken der Region und sein Verständnis von Heimat.

Als Sie Mitglied der SPD wurden, waren Sie 17 Jahre alt. Mit welcher Motivation haben Sie damals begonnen, sich politisch zu engagieren?

Bereits während meiner Schulzeit in Haiger hat mir das Engagement für andere großen Spaß gemacht. Ich war als Schulsprecher in der Schülervertretung und in der Kreisschülervertretung aktiv. Nach meinem Abschluss habe ich dann nach einer Möglichkeit gesucht, mich in meinem direkten Umfeld weiterhin für die Themen Schule und Soziales einzusetzen. Naheliegende Option war die politische Arbeit. Als überzeugtes Gesamtschulkind fiel meine Wahl auf die SPD. Ausschlaggebend war deren positive Haltung gegenüber dem Schulmodell. Das war damals noch nicht in allen Parteien selbstverständlich.

War das Amt des Landrates für Sie während Ihrer politischen Laufbahn ein festes Ziel?

Nein, überhaupt nicht. Alles hat sich step by step ergeben. Wie das so ist. Man fängt an, übernimmt immer mehr Verantwortung und wächst mit seinen Aufgaben. 2000 bin ich SPD-Mitglied geworden, 2002 war ich sachkundiger Bürger. 2007 dann der Einzug in den Gemeinderat Burbach. Zwei Jahre später habe ich das erste Mal für den Kreistag kandidiert. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich dachte: entweder oder. Ich ließ mich für die Kommunalwahl 2014 aufstellen und wurde mit 31 als damals jüngster Landrat NRWs ins Amt gewählt.

Glauben Sie, dass Ihr Alter für Ihre politische Arbeit ein Vorteil ist? Gerade wenn es um vermeintlich „junge“ Themen geht?

Nicht unbedingt. Lebensalter ist ja generell kein Qualitätsmerkmal. Es gibt kluge Junge und kluge Alte. Genauso wie es Desinteresse oder Egal-Haltungen in allen Generationen gibt. Vielleicht fällt es mir manchmal einfach leichter, offen gegenüber jugendpolitischen Bewegungen wie beispielsweise „Fridays For Future“ zu sein. Wenn der Altersunterschied nicht mehrere Jahrzehnte, sondern nur wenige Jahre beträgt, ist die Hemmschwelle geringer und man kommt schneller ins Gespräch.

Welche Eigenschaften sollte ein Politiker auf Kommunalebene mitbringen, um seine Region und die Menschen, die dort leben, optimal zu vertreten?

Ich bin mir nicht sicher, ob man bei dieser Frage zwischen Kommune, Land und Bund unterscheiden sollte. Häufig ist es so, dass Politiker gut reden können. Zuhören zu können halte ich aber für die wesentlich wichtigere Eigenschaft. Und das unabhängig von der politischen Ebene. Politiker sollten mehr zuhören und weniger reden. Immer mehr Menschen fühlen sich leider von der allgemeinen Diskussion ausgeschlossen. „Ich hier unten und die da oben.“ Das Ergebnis ist eine zunehmende gesellschaftliche Spaltung, der man nur mit Zugewandtheit, Respekt und Empathie begegnen kann.

Mit welchen Zielen sind Sie 2014 in Ihre erste Amtszeit als Landrat gestartet?

Einer der Schwerpunkte meines Wahlprogramms war das Thema Kinderbetreuung, das häufig als kuscheliges Sozialthema belächelt wird. Verlässliche Betreuung bietet die Basis für Gleichstellung, berufliche Weiterentwicklung, qualifizierte Fachkräfte und eine optimierte Frauenerwerbsquote, ist also essentiell für einen stabilen Arbeitsmarkt und eine funktionierende Wirtschaft. Ziel war und ist es, die Anzahl der Betreuungsplätze zu erhöhen und so den Bedarf innerhalb der Region zu decken. Wir möchten den Menschen auch nach der Familiengründung die Möglichkeit geben, ihr Leben frei zu gestalten. Das ist uns gelungen. In der ersten Amtszeit haben wir über 1.000 neue Kitaplätze geschaffen.

Weiteres Schwerpunktthema war Mobilität, die vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeit heute in ganz anderer Dimension als damals diskutiert wird. Mit der Frage „wie mobil bin ich?“ ist auch ein Stück Freiheit verbunden. Gerade in unserer Region. Deshalb wollen wir im ländlichen Raum ähnliche Mobilitätsangebote wie in der Großstadt bereitstellen. Egal, ob man aufgrund des Wohnortes darauf angewiesen ist oder sich bewusst für den ÖPNV entscheidet, um die Umwelt zu schonen. Aktuell sind in Siegen-Wittgenstein mehr Busse und Bahnen unterwegs als je zuvor, aber trotzdem ist noch riesiges Potenzial vorhanden, das wir nutzen müssen, um im überregionalen Vergleich nicht abgehängt zu werden: Nachtbusse, Anbindung an den Fernverkehr oder eine direkte Verbindung zwischen den beiden Universitätsstädten Siegen und Marburg.

Während meiner ersten Amtszeit habe ich den Fokus außerdem auf den Bereich Gesundheit & Pflege gelegt. Die medizinische Versorgung in Siegen ist dank der vier Kliniken vor Ort hervorragend. Langfristig stellt sich die Frage, wie die unterschiedlichen Träger möglichst effizient zusammenarbeiten und Investitionen koordinieren können. In den ländlichen Gebieten des Kreises zeigt sich ein anderer Trend: die Anzahl von Hausärzten und Facharztpraxen wird immer geringer, die Wege immer weiter. Um die Attraktivität der Region für junge Ärzte zu steigern, haben wir ein Stipendienprogramm aufgelegt. Die angehenden Mediziner verpflichten sich, nach dem Ende ihrer Ausbildung in Siegen-Wittgenstein zu praktizieren. Die Rückmeldungen sind gut, es gibt bereits Wartelisten. Wie erfolgreich das Programm in der Praxis ist, wird sich aber erst in einigen Jahren zeigen. Fakt ist: Menschen leben länger und ihre Versorgung muss sichergestellt werden. Unsere Pflegebedarfsplanung bildet ab, wie sich der Bedarf an stationären Pflegeplätzen in den kommenden Jahren entwickeln wird. So können wir frühzeitig Kapazitäten schaffen und zwar genau dort, wo sie auch gebraucht werden. Wohnortnahe Pflege soll möglich sein und „Pflegetourismus“ vermieden werden. Auch Angebote für Kurzzeit- und Tagespflege müssen in ausreichender Zahl vorhanden sein, um pflegende Familienmitglieder kurzfristig zu entlasten. 400 zusätzliche Pflegeplätze sind aktuell in Planung oder sogar schon im Bau, aber der Bedarf wird in den kommenden Jahren weiter steigen.

Bei der Kommunalwahl 2020 wurden Sie in Ihrem Amt bestätigt. 54,4 Prozent der Wähler stimmten für Sie. Überwiegt in so einem Moment die Freude über das entgegengebrachte Vertrauen oder der Respekt vor einer gestiegenen Erwartungshaltung?

Sowohl als auch. Am Wahlabend überwog die Freude. Die erste Wiederwahl in meiner politischen Laufbahn – das war für mich etwas Besonderes. Die Menschen haben ja nicht nur das Wahlprogramm und meine Ziele für die Zukunft beurteilt. Sie haben auch die Frage „bin ich zufrieden mit dem was und wie er das gemacht hat?“ mit einem klaren Ja beantwortet. Das Wie war wahrscheinlich sogar entscheidender. Wie trete ich auf? Wie repräsentiere ich die Menschen überregional? Wie gehe ich auf Leute zu? Wie binde ich sie in meine politische Arbeit ein? Der Anspruch ist jetzt, in der zweiten Amtszeit nicht nachzulassen und mindestens genauso erfolgreich Politik zu machen.

Auf welche Projekte freuen Sie sich in den kommenden Monaten und Jahren besonders?

Generell freue ich mich auf die Zukunftsthemen Klimaschutz und Digitalisierung. Im vergangenen Jahr haben wir den Klimaschutz als Daueraufgabe der Kreisverwaltung etabliert. Wir wollen vor Ort einen Beitrag leisten und neue Ideen entwickeln. Ziel für 2030: die Kreisverwaltung als klimaneutraler Arbeitgeber. Öffentliche Stellen müssen mit gutem Beispiel vorangehen, um zu zeigen, dass solche Konzepte tatsächlich funktionieren können. Auch in puncto Digitalisierung bleibt es spannend. Der Bereich ist unglaublich vielfältig und reicht vom Ausbau der entsprechenden Infrastruktur – 100 Prozent Glasfaser, Mobilfunk mit 5G und Breitbandanschlüsse an jedem Haus – über Serviceleistungen wie Online-Behördengänge bis zur digitalen Bildung. Auch die Frage, wie sich einzelne Berufsbilder oder der Arbeitsmarkt mit zunehmendem Digitalisierungsgrad verändern, wird uns beschäftigen. Wir müssen jetzt die Weichen für weitreichende Umwälzungen stellen, die in 10 bis 15 Jahren stattfinden. Als einer von drei Kreisen in NRW nimmt Siegen-Wittgenstein am Projekt „Global nachhaltige Kommune“ teil. Dabei geht es genau um diese Gesamtzusammenhänge. Unterschiedlichste Institutionen und Initiativen erarbeiten gemeinsam ein langfristiges Konzept für unser Miteinander. Teil dessen sein zu dürfen, finde ich unglaublich spannend.

Ihr Amt ist ein besonderes. Warum?

Herausforderung ist die Doppelfunktion des Landrates. Er muss nach innen und nach außen wirken. Als Behördenleiter trägt er die Verantwortung für über 1.500 Mitarbeiter in der Kreisverwaltung und Polizei. Gleichzeitig ist er in seiner politischen Funktion Repräsentant von 275.000 Menschen, deren Interessen er über die Grenzen der Region hinweg vertreten muss. Bedingt durch die Themenvielfalt, die Komplexität der Sachverhalte und die Geschwindigkeit der Entwicklungen ist das Amt sehr anspruchsvoll. Auch zeitlich. 70-Stunden-Wochen sind keine Seltenheit. Das muss man wollen und leben. Ich darf so viele interessante Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen kennenlernen. Das ist für mich ein Geschenk.

Wie geht Ihr privates Umfeld mit Ihrem zeitintensiven Amt um?

Das war ein Lernprozess. Familie und Freunde sind sehr nachsichtig mit mir. Wir sind gemeinsam in meine Aufgaben als Landrat hineingewachsen. Das Pflegen von sozialen Kontakten ist mit ein wenig Vorlauf für mich mittlerweile kein Problem mehr. Wenn der Termin einmal in meinem Kalender steht, habe ich auch Zeit. Spontan wird es jedoch eher schwierig.

Wo liegen die Stärken Siegen-Wittgensteins?

Wir leben in einer der spannendsten Regionen Deutschlands mit einer 2.000 Jahre langen Geschichte. Strukturen sind historisch gewachsen. Die Menschen mussten sich immer wieder auf Neues einstellen. Offen für Weiterentwicklung sein. Unbekannte Märkte erschließen. Regionale Unternehmen haben bereits in den 1970er-Jahren damit begonnen, ihre Produkte nach China zu exportieren. Heute sind wir Heimat von Global Playern und Weltmarktführern. Siegen-Wittgenstein ist ein kontrastreicher Ort. Urbanes Flair unmittelbar neben idyllischem Dorfcharme. Starke Wurzeln gepaart mit Weltoffenheit. Einer der wirtschaftsstärksten und der waldreichste Kreis. Diese Gegensätze leben wir bewusst. Sie machen uns aus.

2020 feierte der Heimatbund Siegerland-Wittgenstein e.V. seinen 25. Geburtstag. In Kooperation mit der Kreativagentur „Honig der Möwen“ und Moanet entstand eine Kampagne, mit deren Hilfe das Heimatgefühl junger Menschen in Siegen-Wittgenstein gestärkt werden soll. Was bedeutet Heimat für Sie?

Heimat hat sich leider in den vergangenen Jahren zu einem politischen Kampfbegriff entwickelt, den fragwürdige Gruppierungen für sich beanspruchen und instrumentalisieren wollen. Das geht gar nicht. Nicht andere definieren den Begriff. Jeder muss die Frage nach Heimat ganz individuell beantworten. Ich verbinde damit einen Ort, wo ich mich wohl fühle. Der mir Sicherheit gibt. Wo meine Familie und Freunde leben. Ich bin fest davon überzeugt, dass man sich bei uns in Siegen-Wittgenstein wohlfühlen, eine Heimat finden kann. Unabhängig von Alter, Herkunft, Geschlecht, Beruf sexueller Orientierung. Heimatarbeit wird hier in unterschiedlichsten Formen betrieben. Das spiegelt auch die Kampagne wider. Wir spielen mit Symbolen wie Henner & Frieder oder dem Sejerlänner Mäckes. Heimat meint mehr als das bloße Bewahren von Brauchtum. Es gibt zahlreiche zukunftsorientierte Projekte, die beweisen, dass sich Traditionen zeitgemäß interpretieren lassen.

Welches ist das größte Kompliment, das man Ihnen für Ihre politische Arbeit machen kann?

Der ehrlichste Gradmesser für politische Arbeit sind Wahlen. Ich habe mich zu Beginn meiner ersten Amtszeit lange mit der Frage auseinandergesetzt, was überhaupt von mir erwartet wird. Politisch, aber auch menschlich. Schnell war klar, dass ich mich nicht verstellen werde. Ich bin meinem eigenen Politikverständnis treu geblieben und habe nicht auf Autorität, sondern auf Ausgleich gesetzt. Leise statt laut. Nahbar. Auf Augenhöhe. Ich war nicht sicher, ob diese Herangehensweise tatsächlich gut ankommt. Die Menschen haben mir ganz bewusst ihre Stimme und ihr Vertrauen geschenkt. Und das zum zweiten Mal. Mehr Lob geht nicht.


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