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Frau sitzt mit VR-Brille vor ihrem Laptop

New Work

digital und sozial: Strukturwandel der Arbeitswelt

Text: Melanie Heider

Bedingt durch den technologischen Fortschritt hat der Mensch seine Arbeitswelt in den vergangenen Jahrhunderten stetig selbst revolutioniert: von Hand- und Manufakturarbeit über die Industrialisierung mit Dampfmaschinen und Fließbandfertigung, der Automatisierung von Maschinen bis hin zur Digitalisierung intelligenter Prozesse. Die Veränderungen sind heute nicht nur in den Werkshallen selbst sichtbar, vielmehr zeigen sie sich durch die Entstehung neuer Branchen, neuer Berufe, neuer Produkte und veränderter Lebensstrukturen. Auch die Arbeitswelt der Zukunft ist eine andere als heute. Für Unternehmen heißt das: umdenken, mitdenken und vorausdenken. Konkret gefordert ist eine Bewusstseinsänderung für die Bedürfnisse von Mitarbeitern und den Bedarf an Maschinen.

Das einzig Beständige ist der Wandel. Das gilt insbesondere für die Arbeitswelt als zentraler Motor der Gesellschaft. Etwa 78 Stunden wöchentlich arbeiteten die Menschen noch vor etwa 150 Jahren. Mühsame Feld- und Waldarbeiten sowie schwerste Arbeiten z.B. beim Eisenerzabbau wurden allein mit Muskelkraft und Werkzeug gestemmt. In Deutschland sorgten die ersten Dampfmaschinen und mechanischen Webstühle ab Mitte des 19. Jahrhunderts für körperliche Entlastung – später, mit Beginn des 20. Jahrhundert, die Elektrizität. Weitere Produktivitätssteigerungen wurden in der Nachkriegszeit ab 1970 mit dem Einsatz der Elektrotechnik und IT zur Automatisierung von Anlagen erzielt. Seitdem werden die Entwicklungszyklen neuer Produktionshelfer immer kürzer. Sukzessive werden Maschinen und Anlagen dabei um smarte Prozesse erweitert.

Maschinelle und menschliche Kompetenz

Die Integration Künstlicher Intelligenz (KI) stellt in der heutigen Zeit die vierte Industrielle Revolution von der traditionellen Handarbeit zur maschinellen Massenproduktion dar. Sie ermöglicht die Fertigung und Kommissionierung in Losgröße 1 bei höchstem Individualisierungsgrad. Immer mehr Roboter arbeiten dabei Hand in Hand mit dem Menschen zusammen oder übernehmen stellvertretend für ihn monotone und schwerfällige Arbeiten – vollautomatisch, schnell und präzise. Die Digitalisierung ist längst nicht nur im produzierenden Gewerbe mit Industrierobotern angekommen – auch Landmaschinen erledigen via GPS-Satellit selbsttätig ihre Arbeiten, E-Health-Systeme ermöglichen digitale Sprechstunden, der Einsatz von Drohnen erleichtert geografische Vermessungen oder Inspektionen, kontaktloses Bezahlen verändert den Zahlungsverkehr und 3D-Datenbrillen helfen dem Menschen dank digitaler Fernwartung und Augmented Reality bei der Inbetriebnahme und Reparatur von Geräten der neuesten Generation.

Kritiker meinen, der Mensch rationalisiere sich selbst aus der eigenen Arbeitswelt weg. Befürworter sehen in dem Übergang zur Smart Company eine Chance für mehr Qualität – im Endprodukt, in der Wertschöpfungskette wie auch in der Entfaltung persönlicher und handwerklicher Kompetenzen. Denn Fakt ist: Trotz einer immer geringer werdenden Arbeitsbelastung für den Menschen, ist die Arbeitswelt in den vergangenen 100 Jahren immer anspruchsvoller und komplexer geworden.

Die gesteigerte Erwerbsbeteiligung der inländischen Bevölkerung sowie die Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte überwogen im Jahr 2019 sogar die Effekte des demografischen Wandels, sodass hierzulande die höchste Erwerbstätigenzahl seit der Wiedervereinigung im Jahr 1991 erreicht wurde. Schon 2018 waren laut „New Work Trendbook“, einer Umfrage von XING in Kooperation mit dem Zukunftsforscher Peter Wippermann, etwa 15 Prozent aller Erwerbstätigen in Berufen tätig, die erst nach 2003 entstanden sind – längst nicht nur im IT-Sektor, sondern auch im Dienstleistungs-, Konsum- und Gastgewerbe. Das verdeutlicht: Ganz ohne Menschen wird auch in Zukunft keine Arbeitswelt existieren. In Zeiten der Digitalisierung gewinnt neben der Maschine-Mensch-Kollaboration auch der Mitarbeiter mit seinen individuellen Begabungen und Fähigkeiten an Bedeutung.

Betriebliche Transformation auf zwei Ebenen

Schon heute zeichnet sich ab, dass sich der Strukturwandel  der Arbeitswelt zweigliedrig vollzieht. Zum einen auf der reinen Prozessebene im maschinell-technischen Bereich mit der Implementierung einer entsprechenden EDV-Infrastruktur und intelligenter Prozesslandschaften. Andererseits bedeuten die steigenden erforderlichen Qualifizierungen der Arbeitnehmer auf Personalebene im menschlich-sozialen Bereich zeitgemäße Anpassungen: mit flexiblen  individualisierten Arbeitszeitmodellen, maßgeschneiderten Förder- und Weiterbildungsmöglichkeiten, besonderen Benefits und einer modernen Büroarchitektur mit Wohlfühlatmosphäre. Um an der betrieblichen Transformation teilzuhaben, müssen Unternehmen in beiden Bereichen neue Konzepte entwickeln.

Nichts bleibt wie es ist. Zwischen dem Arbeiten 1920 und dem Arbeiten 2020 liegen Welten. Wie genau die Arbeitswelt der Zukunft aussehen wird, bleibt auch heute noch Spekulation. Dass jedoch selbst Unvorstellbares Realität werden kann, zeigt bereits George Orwells Roman „1984“, der vor knapp 70 Jahren zu einer Zeit erschien, in der Alexa und Siri noch reine Utopie waren. Die anhaltende Corona-Krise fügt der Wirtschaft aktuell einen noch nicht zu beziffernden Schaden zu. Unternehmen jeder Größe wurden vor eine noch nie dagewesene Herausforderung gestellt. Wer kann, passt jetzt sein Business-Modell an, organisiert Arbeitszeiten neu, investiert in IT-Infrasturktur und lagert Teilbereiche ins Home Office aus. Der Blick zurück macht jedoch auch Mut für den Schritt nach vorn. Denn allein die menschliche Kompetenz hat die bisherige Revolution überhaupt erst ermöglicht und für das anhaltende Wirtschaftswachstum und den heutigen Wohlstand gesorgt. An den richtigen strategischen Stellen eingesetzt, werden fachliches Know-how und die individuellen Begabungen des Menschen damit auch in Zukunft der wesentliche Antriebsmotor für die Weiterentwicklung der Welt bleiben.

Artikel erschienen in der Top Frühjahrsausgabe 2020

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