Verein Route 57 – Top Blog

Interview: Melanie Heider

Das Top Magazin Siegen-Wittgenstein traf sich zur Bestandsaufnahme mit Christian F. Kocherscheidt, Hans-Peter Langer und Olaf Kemper am künftigen Einmündungsbereich der Kreuztaler Südumgehung in die B508.
Das Top Magazin Siegen-Wittgenstein traf sich zur Bestandsaufnahme mit Christian F. Kocherscheidt (Vorsitzender Verein „Route 57“/Mitte), Hans-Peter Langer (Kassenwart Verein „Route 57“/ links) und Olaf Kemper (Bürgerinitiative „Weniger Lärm — B 508 und B 62“/ rechts) am künftigen Einmündungsbereich der Kreuztaler Südumgehung in die B508.

Verbinden, was zusammen gehört

Verein „Route 57“:
Wirtschaft, Lebensqualität und Tourismus im Fokus

Die ersten vorbereitenden Erdbaumaßnahmen sind eingeleitet worden: Über das kürzlich erschlossene Areal im Industriepark Ferndorftal soll künftig die Südumgehung Kreuztal wieder auf die B508 treffen. Bis zur vollständigen Erschließung der Route 57 sind jedoch noch einige Etappen zu nehmen. Denn für einen Streckenerfolg des Projekts „Siegerland und Wittgenstein verbinden“ müssen zunächst ökologische und ökonomische Interessen in die gleiche Spur gelenkt werden.

Die Baufortschritte zwischen der Kronprinzeneiche und Lützel/Erndtebrück sowie die vorbereitenden Arbeiten in Kreuztal markieren für den Verein „Route 57“ die ersten kleinen Meilensteine in einem sich abzeichnenden Jahrhundertprojekt. Als IHK, Unternehmerschaft und Gewerkschaften 2010 in einem gemeinsamen Vorstoß zunächst die Initiative „Route 57“ ins Leben riefen, war die Linienbestimmung für die Südumgehung Kreuztal bereits 17 Jahre alt. 2008 war der Vorentwurf genehmigt worden. Innerhalb kürzester Zeit gelang es der damaligen Interessengemeinschaft, 16.500 Unterstützungsunterschriften in der Bevölkerung zu sammeln. Die Grundlage für den 2011 gegründeten Verein „Route 57“. „Genau das wird in der Öffentlichkeit oft missverstanden“, weiß der 1. Vorsitzende Christian F. Kocherscheidt, Geschäftsführender Gesellschafter der EJOT Holding GmbH & Co. KG mit Sitz in Bad Berleburg. „Wir wollen kein eigenes in den Kopf gesetztes Konzept durchsetzen, sondern wir setzen uns für ein bereits politisch beschlossenes Projekt ein.“


Das Top Magazin Siegen-Wittgenstein traf sich zur Bestandsaufnahme mit Christian F. Kocherscheidt (Vorsitzender Verein „Route 57“/Mitte), Hans-Peter Langer (Kassenwart Verein „Route 57“/ links) und Olaf Kemper (Bürgerinitiative „Weniger Lärm — B 508 und B 62“/ rechts).

Mitstreiter und Wegbegleiter gibt es seit Stunde eins – vorrangig aus den Reihen der Wittgensteiner Unternehmerlandschaft, dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Kreisverband Siegen-Wittgenstein und den betreffenden Kommunen. Denn der Verkehr zwischen den Siegerländer und Wittgensteiner Kommunen rollt – tagein und tagaus, jedoch nur langsam durch die Nadelöhre Kreuztal, Hilchenbach und die Serpentinen hinauf nach Erndtebrück. In der heutigen immer schnelllebigeren Zeit, in der es für produzierende Unternehmen um Just-in-time-Abwicklung ihrer Aufträge geht, steht die drittgrößte Industrieregion Deutsch- lands im Stau. An dem zähen Verkehrsfluss hat selbst die Corona-Pandemie nichts geändert – denn Homeoffice scheidet hier häufig aus: Trotz aller Digitalisierungs- und Automatisierungstechnik sind Beschäftigte in verarbeitenden Betrieben unverzichtbar – und auch Güter lassen sich nicht virtuell auf die Reise schicken.

Der Verein „Route 57“ setzt sich für eine verbesserte Verkehrsverbindung zum Vorteil von Anwohnern, Wirtschaft, Tourismus und Kommunen ein.

Im Kern sieht die Route 57 daher eine Optimierung verschiedener Teilstrecken und eine Kette von Ortsumgehungen zwischen dem Siegerland und Wittgenstein vor. Die verbesserte Verkehrsführung soll den Durchgangsverkehr umleiten, Fahrtwege verkürzen und die Ortsdurchfahrten in Kreuztal, Hilchenbach und Erndtebrück entlasten. Im Abschnitt zwischen Lützel und Erndtebrück sollen zudem ein enger Bahnübergang beseitigt und eine zusätzliche Überholspur eingerichtet werden.

Anbinden – nicht abhängen

„Heute sind wir besser in alle anderen Richtungen angebunden als ins Siegerland“, stellt Christian F. Kocherscheidt nüchtern fest. „An einer verbesserten Verbindung zwischen dem Siegerland und Wittgenstein hängen unsere Wirtschaftskraft und unsere Arbeitsplätze, die Attraktivität gegenüber Auszubildenden und Absolventen der Universität, aber auch die allgemeine Lebensqualität in den Städten und Dörfern Witt- gensteins. Denn nur wo gearbeitet wird, kommt Geld in die Kassen der Kommunen.“

Oberste Priorität im Bebauungsplan

Im Mittelpunkt des Vereins „Route 57“ steht die legitimierte politische Lobbyarbeit – den größten Erfolg markierte vor einigen Jahren die Aufnahme des Infrastrukturprojekts in den Bundesverkehrswegeplan, nachdem es im ersten Entwurf zunächst keine Berücksichtigung gefunden hatte. „Die Einstufung als ‚Vordringlicher Bedarf ‘ im Bundesverkehrswegeplan 2030 war für uns von zentraler Bedeutung“, hebt Hans-Peter Langer vom Verein „Route 57“ hervor. „Damit einher ging der Planungsauftrag an den Landesbetrieb Straßenbau NRW. Somit war sichergestellt, dass die Ortsumgehungskette weiter in Richtung Baureife geplant wird.“

Obwohl damit grundsätzlich grünes Licht gegeben war, sprang die Ampel für die Kreuztaler Südumgehung Anfang 2021 zu- nächst noch einmal auf „Rot“. Anfang 2018 war der Planfeststellungsbeschluss für den Kreuztaler Teilabschnitt von der Abfahrt Hüttentalstraße (HTS) in Buschhütten zur Anschlussstelle Ferndorf (B508) offengelegt worden. Aufgrund der Klage eines Kreuztaler Reitbetriebes entschied das Oberverwaltungsgericht NRW, dass zunächst nicht gebaut werden kann, da in der Frage der Ausgleichsflächen nachgearbeitet werden müsse. Ein Baubeginn lässt daher vorerst auf sich warten.

Fortschritt in kleinen Schritten

„Grundsätzlich sind Verzögerungen infolge juristischer Auseinandersetzungen in mehrerer Hinsicht nachteilig“, sagt Hans-Peter Langer. So müssten Verkehrsuntersuchungen und Umweltverträglichkeitsprüfungen je nach Dauer der Verzögerung aktualisiert oder erneut durchgeführt werden. „Die Planer beginnen mit der Kartierung im Extremfall also immer wieder von vorne. Mindestens ebenso schlimm ist, dass ein immer neuer Aufschub ein fatales – und falsches – Signal in die Öffentlichkeit trägt: ‚Das wird ohnehin nichts!‘ Auch deshalb ist es bedauerlich, dass das positive Signal, das von einem Baubeginn der Südumgehung ausgeht, zunächst ausbleibt. Aber dass sie kommt, ist klar!“

Auf eine Erleichterung durch die Ortsumgehungen wartet auch die 2016 gegründete Bürgerinitiative „Weniger Lärm – B508 und B62“ mit Olaf Kemper und Helmut Six als Sprecher. Ihr Ziel: weniger Straßenverkehr – mehr Sicherheit. „Seit Jahren leiden die Menschen unter der Belastung durch das hohe Verkehrsaufkommen und den Schwerlastverkehr sowie der damit einhergehenden gesundheitlichen Gefahr durch Lärm, Abgase und gefährliche Situationen für spielende Kinder, Schüler und Fußgänger“, erläutert Olaf Kemper. „Die erste Teilortsumgehung würde die öffentliche Wahrnehmung enorm verändern, die Vorzüge endlich sicht- und spürbar machen und einen starken Einfluss auf die Erschließung der weiteren Streckenabschnitte haben.“

Vorteile der Route 57 aufzeigen

Allen Befürwortern geht es um das Wohl der Menschen und die Zukunft der Region. Neben einem fließenden Güterverkehr sagen sie der Route 57 auch eine Sogwirkung für neue Fachkräfte, Gewerbeansiedlungen und Erschließungen von Wohnraum im Grünen voraus. Ein weiterer Aspekt liege in dem bisher noch nicht ausreichend ausgeschöpften Potenzial für den Tourismus, ähnlich dem an das Ruhrgebiet angeschlossenen Bereich rund um Winterberg. Eine bessere Verkehrsanbindung sei nicht alleine entscheidend für die Standortqualität, aber in jedem Fall ein wichtiger Faktor, sind sich die Unterstützer einig.

Vorbilder A4 und A45

Solange die Südumgehung auf sich warten lässt, richtet der Verein „Route 57“ einen wehmütigen Blick auf die zwar nicht minder konfliktfreie, aber dennoch längst realisierte Umgehungsstraße zwischen Kreuztal und Wenden. „Von der Anschlussstelle A4 profitiert jeder. Sie ist zudem topografisch perfekt in die Naturlandschaft eingebettet. Ich kenne niemanden, der darauf heute noch verzichten wollen würde“, bemerkt Christian F. Kocherscheidt.

Die frühe Öffentlichkeitsbeteiligung von Straßen.NRW mit Stakeholder-Veranstaltungen und neuem Online-Portal sieht der Verein als wichtige Informations- und Kommunikationschance. Konkret geht es ihm bei der Dialogführung um mehr Transparenz und die Klarstellung, dass in alle bisherigen Planungen umfassende Untersuchungen zur Umweltverträglichkeit sowie Tier- und Artenschutz einflossen und vom Gesetzgeber bis ins Detail geprüft wurden.

Wie weit die Route 57 bis 2030 tatsächlich gediehen sein wird, lässt sich nur schwer vorhersagen. „Wir gehen davon aus, dass vom ersten gedanklichen Entwurf nach dem kommunalen Zusammenschluss des Kreises im Jahr 1975 bis zur vollständigen Genehmigung 60 Jahre vergangen sein werden“, erklärt Christian F. Kocherscheidt. „Und selbst dann wird es noch ein weiter Weg sein, bis die Menschen in Siegerland und Wittgenstein strukturell miteinander verbunden sind.“

Kontakt
www.route57.info