Schlusspunkt Thomas Thiel – Top Blog

Thomas Thiel, Direktor MGKSiegen  

„Kunst macht Ungesehenes sichtbar“ 

Seit über 15 Jahren nennt Thomas Thiel die Welt der Kunst sein berufliches Zuhause: er kuratierte Ausstellungen im Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe und leitete mit großem Erfolg den Bielefelder Kunstverein. 2019 übernahm der 43-Jährige die künstlerische Leitung des Museum für Gegenwartskunst in Siegen. Wir sprachen mit ihm über Kunstvermittlung in Zeiten des Lockdowns und seine ganz persönliche Definition von Kunst. 

2019 haben Sie sich neu orientiert. Warum die Entscheidung für Siegen und das Museum für Gegenwartskunst?

Siegen ist eine lebenswerte Stadt mit einem vielfältigen Kulturangebot und einem großen ländlichen Einzugsgebiet. Mit dem MGKSiegen finden Kunstinteressierte hier ein junges Museum, das zwei herausragende Sammlungen – die Sammlung Lambrecht-Schadeberg und die Sammlung Gegenwartskunst – mit internationalem Ruf sein Eigen nennt. Das macht die Arbeit unglaublich spannend. Leihgaben gehen nach London oder New York, sind in der ganzen Welt zu sehen. All das praktisch vor der eigenen Haustür erleben zu können, ist etwas Besonderes. 

Charakterisieren Sie das MGKSiegen mit drei Adjektiven. 

offen, begeisternd und gegenwärtig, also am Puls der Zeit im Bezug auf Programm und Forschungsarbeit

Mit welchen Zielen sind Sie vor anderthalb Jahren gestartet? 

Ich sehe Museumsarbeit immer im Verhältnis zwischen lokalem Erleben und globalen Themen innerhalb der Kunst. Mein Fokus liegt neben digitalen Fragestellungen auf der Öffnung des Museums in den Stadtraum und in die Gesellschaft. Der Zugang soll noch einfacher werden. Ein erster Schritt war die Reihe MGKWalls, die eine Verbindung zwischen Fassade und Innenraum schafft. Für die Sommermonate planen wir außerdem ein Projekt mit Michael Beutler. Unter dem Namen „Fliegender Markt“ wird auf dem Schlossplatz eine großformatige Installation entstehen, die wir mцglichst breit nutzen wollen. 

Christine Sun Kim und Thomas Mader, Find Face, 2021, MGKSiegen, MGKWalls, Courtesy die Künstler

Wie hat sich die anhaltende Pandemie auf den Museumsalltag ausgewirkt? 

Corona hat unsere Arbeit grundlegend verändert. Innerhalb eines Jahres war das MGKSiegen dreimal für mehrere Monate geschlossen, viele Ausstellungen und Projekte mussten neu geplant oder auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Die Situation hat aber auch gezeigt, welche Möglichkeiten und Chancen in der digitalen Kunstvermittlung liegen. Wir haben unsere Webseite um eine Mediathek erweitert, in der Führungen, Vorträge und Tutorials rund um die Uhr zur Verfügung stehen, und zusätzliche Digitalangebote geschaffen. Außerdem sind wir Teil des Fonds Digital der Kulturstiftung des Bundes. Zusammen mit drei anderen Institutionen entwickeln wir über drei Jahre hinweg eine digitale Anwendung, die sich mit dem Erleben von Kunst an der Schnittstelle von öffentlichem und musealem Raum beschäftigt. Ziel ist es einen neuen Ort zu schaffen, an dem Kunst stattfinden kann. 

Sie haben bereits zahlreiche Ausstellungen zusammen mit internationalen Künstlern erarbeitet. Entwickelt man als Kurator irgendwann eine Routine? 

Ja und nein. Es gibt Abläufe, die sich wiederholen, aber die Inhalte sind immer anders. Jede Ausstellung ist neu. Wenn wir über Kunst oder die Präentation von Kunst sprechen, gibt es nicht die eine Erzählung. Es ergeben sich ständig neue Perspektiven. Werke werden immer wieder neu wahrgenommen. Abhängig von Ort und Zeitpunkt. Im Raum selber muss alles zueinanderkommen. Also nicht nur theoretisch gedacht sein, sondern auch Emotionen auslösen. Der Besuch im Museum soll für die Menschen ein Erlebnis sein. Das ist eine Herausforderung. 

Wie lautet Ihre persönliche Definition von Kunst? 

Kunst ist ein essentieller Teil unserer Kultur. Sie ermöglicht einen neuen Blick auf die Welt, wirkt wie ein Filter. Durch sie wird Unentdecktes, Ungesehenes und Unbekanntes sichtbar. Und zwar auf eine ganz individuelle Art und Weise. Trotz ihrer Individualität vermittelt Kunst zwischen den Menschen und schafft eine starke Verbindung. 


Mariana Castillo Deball, Nuremberg Map of Tenochtitlan, 2013, No acabaran mis flores, 2013, Ausstellungsansicht, MGKSiegen, Courtesy die Künstlerin


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.